Anke von der Emaloca

Schwedenhappen

(11-25) In diesem Blog erzählen wir unter anderem von Stichen die atmen, magischen Nächten, Rod Stuart aus Södertälje, die Mahnung, sich etwas Wildheit zu bewahren, einem Überläufer, einem Bruch und einem segelnden Kopfkissen.

Jeder Stich atmet


Allein schon die Museen in Stockholm sind eine Reise wert, auch wenn die Stadt viel hochtouriger zu laufen scheint als z.B. Tallinn, das uns eher gemächlich daherkam.

Im Moderna Museet hatten wir das große Glück, die fantastische Sonderausstellung „Wo jeder Stich atmet“ mit Werken der samischen Künstlerin Britta Marakatt-Labba zu erleben.



Sie stickt bezaubernde, berührende, poetische und politische Bilder über das Leben der Samen mit ihren Rentieren und über die Bedrohung ihrer nomadischen Kultur.

Immer schwieriger ist es mit den Tieren frei über Ländergrenzen hinweg ziehen zu können, immer mehr Land ist in Privatbesitz und die Ausbeutung von Bodenschätzen zerstört ihre traditionellen Wanderwege.

Am nächsten Tag dann noch der Besuch des Nordiska Museet mit einer informativen Ausstellung über das Leben im Norden in den letzten 500 Jahren.

Die vielen Eindrücke ließen wir an ruhigen Stegen und Ankerplätzen im Mälaren sacken. Der See mit vielen Schären und Fjorden ist das Trinkwasserreservoir von Stockholm.


Ein anderes Schweden


Über eine Schleuse, die uns einen halben Meter tiefer wieder in die Ostsee brachte, landeten wir in Södertälje. Beim Schlendern durch die Fußgängerzone war leicht erkennbar: das ist hier kein Ort der Schönen und der Reichen. Wir sehen viele Migranten, die bei Scania (LKWs und Busse) oder Astra Zeneca arbeiten.


Auch die Preise waren ‚moderater‘: Hier gäbe es einen Aperol Spritz für rund 9 statt sonst 13 Euro.


Oldies but Goldies


„Lass uns prassen und im Hafen ein Bier trinken gehen, da gibt es Life-Musik.“ Gesagt, getan! Schon das Aussehen des Sängers ist ein echter Hingucker: Hemd im Leopardenmuster, ein Haifischzahn (oder Bärenklaue?) als Kette, auf dem Hut eine verspiegelte Sonnenbrille und Stiefel schwarz weiß kariert.

Musik und Backroundgesang kommen vom Band. Er singt alles, was wir in jüngeren Jahren gehört haben: von den Doors, Leonard Cohen, Creedance Clearwater Revival bis hin zu Henry Belafonte. Sein timing perfekt, seine Stimme wie die von Rod Stuart.


Meine Tischnachbarin erzählt mir, er sei 76 Jahre alt. „Schon als Kind hatte er eine Band, seit der Zeit kenne ich ihn, weil ich immer zu den Auftritten gegangen bin.“



Sie lacht: „Ohne singen kann er nicht leben. Als Corona war und er keine Auftritte hatte, ist er mit dem Auto los und hat vor den Häusern von uns Freunden und Bekannten gesungen, 2 Jahre lang!“

Dann zeigt sie mir unvermittelt ein Handyfoto mit Puppen. „Das ist mein Hobby, die sammle ich und kleide sie schön ein. Jetzt habe ich wieder 15 zusammen. Ich bringe sie dann immer Kindern auf der Krebsstation im Krankenhaus. Du glaubst nicht, wie die sich darüber freuen und sich an den Puppen festhalten!“


Wild bleiben


Als Rod Stuart von Södertälje dann „Born to be wild“ singt, fragt sie mich: „Bist du auch noch wild?“ „Oh, ich war wild so bis um die 30!“ Sie guckt mir in die Augen: „Man muss immer ein bisschen wild bleiben!“ Wir grinsen uns an, swingen sitzend zur Musik und singen lauthals mit. Sie trägt ihr langes graues Haar offen, eine mit Blumen bestickte Stola und ist 78 Jahre alt.


Extra für uns gibt es „I am sailing!“ ‚Rod Stuart‘ kommt kurz zu uns an den Tisch, entschuldigt sich, dass er kein Deutsch kann: „Ich habe es in der Schule gehabt. Es ist mir peinlich, aber die Lehrerin hatte eine Warze auf der Nase und ich musste sie immer anstarren. Deshalb habe ich nichts gelernt!“



Um 22 Uhr ist Schluss. Die immer noch ein bisschen „Wilde“ streichelt meinen Arm: „Das war ein schöner Abend, ich mag euch!“ Sie geht zum Bus, wir zum Boot. Wunderbar! Wieder so eine Perle, die wir nicht gesucht, aber gefunden haben!


Überläufer und Bruch


Wir segeln durch das enge Fahrwasser südlich von Västervik. Der Wind weht kräftig, aber zwischen den Schären baut sich keine Welle auf. Wir wollen zu einer Ankerboje vom schwedischen Kreuzerverein, in dem wir Mitglied sind.


Als Gerd dabei ist, das Vorsegel einzurollen, kommt aus dem Nichts eine 30er Böe und die Reffleine verklemmt sich. So einen Überläufer braucht man nun wirklich nicht. Während Gerd nach vorne geht, das Segel mit Hand einrollt, fallen immer wieder Böen über uns her. Ich bin ich am Ruder und fluche vor mich hin.

Zum Glück können wir später an der Boje, als der Wind nachgelassen hat, alles wieder gängig machen.

Am nächsten Tag segeln wir weiter Richtung Kalmarsund.


Beim Trimmen des Vorsegels knackt es merkwürdig in der Backbordwinsch! Der obere Teil hat sich angehoben. Das sieht nicht gut aus! Frustriert laufen wir unter Motor einen Hafen bei Oskarshamn an.

Dabei sind die Windverhältnisse optimal und wir hätten richtig Strecke machen können. Aber neben dem Hafen gibt es eine Werft – leider ist Sonntag!

Mein Skipper schraubt die 48 Jahre alte Winsch auseinander: Die Klemmscheibe ist gebrochen. In seinen Werkzeugkästen und Ersatzteillagern findet Gerd eine fast passende Scheibe - aber eben nur fast!


Er denkt, schmirgelt, feilt und irgendwann hat er ein Zwischenteil zurechtgebastelt. Hoffentlich hält alles bis zum Heimathafen.


Flucht


Die Zeit der Reparatur nutzt allerdings sein Kopfkissen, das eigentlich auslüften sollte, um sich davonzumachen. Schwanengleich segelt es schon mitten im Hafenbecken, ehe Gerd die Flucht bemerkt, sofort hinterherschwimmt und es wieder einfängt.

Hafenkino vom Feinsten! Aber wir sind das einzige bewohnte Boot im Hafen und so habe ich den Spaß ganz für mich alleine!

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