Anke von der Emaloca

Über den Turkoschärengarten und die Alandinseln nach Schweden

(10-25) Morgens um 6 Uhr. Es heult und jault im Hafen, Regen prasselt auf Emaloca. Mein Skipper und ich öffnen gleichzeitig die Augen, schauen uns an und wissen, dass wir beide das Gleiche denken: Gut, dass wir im (zu teuren) Wasa-Hafen von Stockholm liegen.

Die unsteten Wind- und Wettervorhersagen in diesem Sommer bringen unsere eigentlichen Reisepläne immer wieder durcheinander.


Ja mach nur einen Plan …


Nach dem „Erlebnis“ mit dem russischen U-Boot und diversen Starkwind- und Sturmerfahrungen haben wir uns entschieden, einen längeren Rückweg zu nehmen. Eigentlich wollten wir von Tallinn zurück nach Ventspils (Lettland) segeln, um von dort den Sprung nach Gotland zu machen - knapp 100 Seemeilen und ca. 19 Stunden auf See.

Kürzere Schläge in geschützten Schärengewässern mit mehr Häfen und Ankermöglichkeiten erschien uns die wesentlich entspanntere Variante zu sein. In kleinen Etappen zogen wir durch die finnischen Turkoschären (siehe 9-25) und entlang der Alandinseln.

Die Alandinseln – ein Vorbild?


Die Alandinseln mit gut 30 000 Einwohnern gehören zu Finnland, das 1917 seine Unabhängigkeit von Russland erklärt hat. Die Alandinseln gehörten davor lange Zeit zu Schweden und wollten wieder schwedisch werden.

Es wurde ein Kompromiss ausgehandelt, bei dem ihnen große Autonomie zugestanden wurde. Sie haben ein eigenes Parlament, die Amtssprache ist schwedisch und sie können z.B. über ihr Schulsystem, Kultur, Industrieförderung oder Umweltschutz allein entscheiden. 1921 wurde ein Abkommen über die Demilitarisierung und Neutralität der Alandinseln geschlossen.


Könnte dieser Alandansatz nicht auch ein Modell sein für andere Regionen mit Minderheiten, die so ihre Sprache und Kultur bewahren könnten? Es gibt auf den Alandinseln ein Friedensinstitut, das sich mit solchen Themen auseinandersetzt.

Anders als der eher touristische und besiedelte Süden, ist der Norden der Alandinseln viel unberührter. Wir waren begeistert.

Vom geschützten, sehr angenehmen Hafen Käringsund ging es dann 35 sm nach Grisslehamn, Schweden.


Hilfe! Ewig gestrige Deutsche als Nachbarn


Einen Tag später liegen wir im kleinen Hafen Älmsta, kurz vor der Brücke in den Väddö-Kanal. Neben uns macht ein Boot fest. Das Paar fängt ein typisches Segler-Gespräch an: „Woher kommt ihr, wohin soll es gehen?“


Gerd erklärt unsere Route entlang der polnischen Küste und schon wird er korrigiert: „Das ist ja Pommern!“ In der Folge wird jeder polnische Ortsname den Gerd erwähnt, von ihnen mit dem alten deutschen Namen genannt.

Bei mir stellen sich schon die Haare auf, Gerd bleibt ruhig. Als er dann von unserem unangenehmen Erlebnis mit dem russischen U-Boot erzählt, jubeln sie regelrecht los: „Gut, dass die Russen sich wehren können! Was soll Putin denn machen, wenn er von Feinden umstellt ist?! Gut, dass Putin Waffen hat.“


Asyl, bitte!


Als dann noch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine als Notwehr erklärt wird, verlasse ich fluchtartig das Boot. Gerd hält es nicht aus und versucht - natürlich vergeblich - argumentativ dagegenzuhalten. Und was sagen diese Typen? Er solle man nicht so viel Fernsehen gucken und Zeitung lesen, sondern andere Medien nutzen: „Putin tut wenigstens noch was für sein Volk!“

Ich treffe den Hafenmeister am Steg, gebe eine kurze Erklärung ab und bitte um Asyl, dann gehe ich spazieren. Als ich wiederkomme, legt der Hafenmeister seine Hand auf meine Schulter und sagt: „Take it easy!“ Ich sage: „Nein, das geht nicht. Wir sind Deutsche und haben aufgrund unserer Geschichte eine große Verantwortung.“ Er senkt den Blick und sagt leise: „Ja!“


Petersburg zurück nach Schweden!?


Am nächsten Morgen machen wir eine kleine Fahrradtour am Väddö-Kanal entlang. Als wir wiederkommen ist: (Achtung, jetzt kommt der O-Ton meines Skippers) „Die Hybridinkarnation von Alice Weidel, Erika Steinbach und Prinz Reuss – eine widerlich gequirlte Scheisse!“ weg.

Der Hafenmeister fragt noch einmal bei Gerd nach. Ein anderer Schwede hört zu und sagt nur kopfschüttelnd: „Dann könnten wir ja auch Sankt Petersburg von den Russen zurückfordern!“



Als wir den Hafen verlassen, kommt das Hafenmeisterpaar extra auf den Steg und winkt uns zu. Wir erwidern ihr Winken herzlich - ein schöner, versöhnlicher Abschluss.


Norrtälje, ein schönes kleines Städtchen


Etwas abseits der Route, aber den Windbedingungen angemessen, segeln wir nach Norrtälje, eine kleine Stadt mit ca 20 000 Einwohnern. Uns begeistert, wie der Fluss in die Stadt eingebettet ist.

Wochenende bedeutet in der Saison natürlich Hafenfest – auch mal eine nette Abwechselung. Die Band war um einiges älter als mein Skipper, hatte aber den Blues im Blut.


Und die Nachbarn?


Keine Nazis, nur ein Paar mit 4 (!) nicht gerade kleinen Hunden an Bord. Das Boot ist kleiner als unseres und sie schlafen alle in der Kajüte bei geschlossenen Luken. Wir strengen uns an, uns nicht vorzustellen, wie es da riechen mag.

Auf unserer anderen Seite liegen unsere holländischen Segelfreunde, die der Wind auch hierher geblasen hat. Mit Blick auf das Hunde-Segelboot meinen sie nur grinsend: „Und, wie riecht es?“


Stockholm


Eigentlich wollten wir überhaupt nicht nach Stockholm und haben die Stadt nur wegen der für uns widrigen Winde angelaufen, aber nun sind wir wieder - wie jedes Mal - vollauf begeistert.


Und die Nachbarn hier?


Wir liegen neben einem schottischen Boot. Sie lagen auch in Tallinn, als ein großer Sturm durch den Hafen tobte. Wir erinnern uns, schwärmen dann aber lieber gemeinsam von der Stockholmer Museumslandschaft.

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